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Freitag, 15. Juli 2016

WEIMAR - Zwischen Anna Amalia, Goethe, Gropius und all den Anderen

Text von Juliane Rohr

 

Den ganzen Bericht mit vielen Bildern gibt's hier>>

DER SOMMER MACHT PAUSE

2. Juli 2016 - Zeit für einen spontanen Samstags-Ausflug nach Weimar – zwei Stunden mit dem Auto ab Berlin. Easy geparkt in der Goethe-Tiefgarage mitten in dem Städtchen, dass uns mit dem Blick auf die herrschaftlichen Häuser in der Ackerwandstrasse gleich in den Bann zieht.
 

Einmal um die Ecke geschlendert, stehen wir vor der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek am Platz der Demokratie. Ein einfaches „Bibliothek“ über einer Holztür zeigt nicht wirklich, was sich für ein Schatz in dem Gebäude verbirgt. Hoch über dem Platz thront übrigens das Denkmal von Carl-August (1757-1828). Der Großherzog war es, der in seiner Stadt konsequent bürgerliche Kultur und Wissenschaft förderte. Er legte damit den Grundstein für Weimars weltoffene Entwicklung. Literatur, Philosophie, Theater, später Musik und Architektur – diese Bandbreite machte den Ort zur geistigen Hauptstadt Europas. 

Weimar atmet Geschichte.

Sprüche und Weisheiten begegnen uns an diesem Tag immer wieder – sogar an Hauswänden. Zum Teil in luftiger Höhe. Es lohnt mit wachen Augen unterwegs zu sein und den Blick schweifen zu lassen. Goethe, Schiller, Kafka, Liszt, Bach, Wagner, Nietzsche, aber auch Gropius mit seinen Bauhäuslern – alle waren und sind irgendwie immer noch hier. Weimar macht beste Laune und füttert den Geist.

Weiterbummeln, da wir erst in gut eineinhalb Stunden unseren Slot in der Anna-Amalia haben. Nur 250 Besucher am Tag dürfen in die historische Bibliothek. Dringend online anmelden, da an der Kasse nur 50 Plätze täglich vergeben werden können und die sind je nach Weimarer Touri-Aufkommen schnell weg. Wir machen einen Cappuccino-Zwischenstopp im Café am Frauentor. Genießen den Blick auf Goethes Wohnhaus und in die von Bäumen gesäumte Fußgängerzone in Richtung Schillers Wohnhaus. 



rechts das Wirtshaus zum weißen Schwan, hier wohnten Goethes Gäste | links das gelbe Haus von Goethe

Es bleibt noch Zeit – weiter zum Nationaltheater. Dort ist das wohl berühmteste Denkmal Deutschlands zu sehen: Goethe und Schiller (1856 von Ernst Rietschel entworfen) auf einem Sockel vereint. Interessant – die beiden Dichter und Denker würdigen sich keines Blickes. Goethe war reich, Schiller musste sparen und oft krank. Der eine liebte Rotwein und seine Botanik während Schiller faulende Äpfel in seinen Schreibtisch legte, weil der Fäulnisgeruch seine Kreativität beflügelte. Von wegen Gegensätze ziehen sich an. Und ja, nicht nur japanische Selfiestick-Touristen wollen hier ein Foto. Es will jeder eines, zusammen mit den beiden Giganten der deutschen Klassik – wir auch. Gewartet, Zeit vertrödelt – schnell zurück zum Slot in die weltberühmte Büchersammlung.

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek
 
1691 als öffentlich zugängliche Bibliothek gegründet, war sie zunächst im Residenzschloss untergebracht. Mit Herzogin Anna Amalia 1766 kam der Umzug ins Grüne Schloss. Dort sind die Bücher seit 1849, in dem von Clemens Wenzeslaus Coudray gestalteten Rokokosaal. 2004 brannte der Dachstuhl des UNESCO-Weltkulturerbes nieder, der Saal und 118 000 Bücher wurden zum Teil schwer beschädigt, 50 000 Bücher gingen dabei für immer verloren. 2007 dann die Wiedereröffnung. Seither steht der Besucher sicher noch begeisterter in dem ovalen Inneren der Bibliothek. Da stören auch die über großen Filzpantoffeln nicht lange mit denen wir über das Parkett schlappen. Der Weisheit ein Haus – hier wohnt sie definitiv, ein Gedanke, der uns kommt. 

Geschwungene Regale erzeugen das innere Oval der Anna Amalia Bibliothek

Die kostbaren Bücher stehen in weißen mit feinem Goldstrich eingefassten Holzregalen und dürfen zu Forschungszwecken ihren Platz verlassen. Wie gerne würden wir auf einen der Balkone im Stockwerk über den Regalen stehen und hinunter gucken. Heute leider nicht, aber sicher ein anderes Mal im Rahmen einer Führung. Der Raum ist übrigens viel kleiner, als auf den wohlbekannten Bildern der Fotografin Candida Höfer.

Who's Who der Deutschen Geschichte

Wieder auf dem Marktplatz können wir dann nicht mehr widerstehen und kaufen eine frisch gebrutzelte Thüringer Bratwurst mit viel Senf. Mmmmhh ... irgendwie anders als in Berlin, mehr Gewürz vielleicht – oder schlicht und einfach die Atmosphäre in der Mitte Weimars. Der Blick auf den Rathausturm deren 35 Glocken aus Meißner Porzellan sind. Genau gegenüber das Wohnhaus von Lucas Cranach dem Älteren, rechts das berühmte Hotel Elephant, in dem ehemaligen Wirtshaus waren alle, wirklich alle zu Gast. Und links noch die Apotheke, in der schon Goethe eingekauft hat. 



Goethe und Schiller vor dem Nationaltheater vereint

Zeitensprung ins Bauhaus-Museum. In dem Haus wurde 1919 übrigens die Weimarer Verfassung unterzeichnet. Schon wieder so ein geschichtsträchtiger Ort. Herrlich. Wir begegnen in dem großen Ausstellungsraum zunächst Walter Gropius, der 1919 das Staatliche Bauhaus gründete. Ausgestellt sind hier Bilder, Entwürfe, Möbel, Lampen oder auch Teekannen von Gropius, Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger, László Moholy-Nagy, Paul Klee oder Kurt Schwerdtfeger. Weimar war in den 20ern der Treffpunkt der Avantgarde. Bis 1925 erste nationalsozialistische Strömungen die illustre Truppe zum Umzug nach Dessau und Berlin zwangen.

Weniger Bauhausmoderne in puncto Einrichtung spüren wir beim Lunch im Anno 1900. Wildkräutersalat und Mango-Kokossuppe sind hingegen modern vegan und Berlin-Mittelastig. Der Besuch lohnt sich auch, weil das Haus, in dem das Lokal ist, entzückend ist und Schriftsteller wie Franz Kafka hier schon gegessen haben.

Unser nächster Halt ist die Bauhaus-Uni. Ein beeindruckender Bau mit riesigen geschwungenen Atelierfenstern 1904 bis 1911 von Henry van de Velde entworfen. Hier entstand das Bauhaus. Walter Gropius wollte Experimentierfreude, Offenheit, Kreativität, Nähe zur industriellen Praxis, projektorientiertes Arbeiten und ein Wir-Gefühl von Lehrern und ihren Schülern fördern. Der ein oder andere Bauhauslehrer machte mit seinen Schülern Yoga auf den Wiesen vor dem Bau und man kann sich vorstellen, wie sie damit das Weimar der 20er in Aufruhr versetzten.

Auch lohnenswert ist der Historische Friedhof. Ich mag alte Friedhöfe, ist so ein Erste-große-Liebe-Ding. Dieser ist besonders – nur einige verstreuten Gräber mitten im wild wachsendem Grün und an den Friedhofsmauern entlang die Grabstätten wohlhabender Weimarer. Am Ende des ansteigenden Weges steht die Fürstengruft. Hier liegt auch Johann Wolfgang von Goethe. Friedrich Schillers Gebeine sollen später hinzugekommen sein. Nebenwirkung der modernen Medizin: Dank DNA-Test ist inzwischen klar, dass dort nicht des Dichters Schädel liegt – wo er überhaupt begraben ist, bleibt bislang unklar. Hinter der Gruft erhebt sich die russisch-orthodoxe Kapelle über dem Grab der Großherzogin Maria Pawlowna. Auch hübsch und es riecht nach Weihrauch. 


Bauhaus Weimar - Aufbruch in die Moderne


Mit diesem Duft in der Nase geht es zum nächsten Bauhaus-Berührungspunkt auf unserer Liste – dem Haus am Horn. Wir laufen quer durch den Park an der Ilm – vorbei am Franz Liszt-Haus (ebenfalls von Coudray gebaut), verschiedenen Theaterkulissen (ja wirklich!) im idyllischen Park und lassen Goethes Gartenhaus links liegen, bevor ein kleiner Pfad zum ersten Ökohaus der Welt führt. 


Das Haus am Horn wurde zur ersten großen Bauhausausstellung 1923 von Georg Muche als Musterhaus konzipiert und in nur vier Monaten hochgezogen. Es ist die einzige in Weimar realisierte Bauhausarchitektur. Michael Siebenrodt vom Freundeskreis der Bauhaus-Universität gibt uns eine intensive, facettenreiche Führung auf den Spuren der Architektur- und Materialentwicklung im Bauhaus. 

Das Haus am Horn wurde zur ersten großen Bauhausausstellung 1923 von Georg Muche als Musterhaus konzipiert und in nur vier Monaten hochgezogen.

Danach springen wir noch einmal von der Moderne zurück in die Klassik – auf eine Stippvisite in Goethe Gartenhaus. Seit 1776 im Besitz des Dichters, finanziert von Herzog Carl August. Damals lag es vor den Toren der Stadt und war ein Rückzugsort. Idyllisch, diese Pflanzenpracht im Garten, dagegen stehen kleine, fast bescheidene Zimmer. In einem davon steht Goethes Reisebett und geschrieben wurde am Stehpult auf einer Art Sitzbock – der Mann hatte Rückenprobleme vom vielen Reisen mit der Kutsche.

Per pedes geht es für uns durch den Park an der Ilm zurück zur Parkgarage am Goethehaus - das haben wir für den nächsten Besuch auf die to-do-Liste geschrieben. 9 Stunden Weimar: ein feiner, gut übersichtlicher Ort. Ein Ort, der Geschichte und Geschichten an jeder Ecke verbirgt, die es lohnt zu entdecken. Quintessenz – oder mit Goethes Faust gesprochen „des Pudels Kern“ – unserer Weimarreise: Unser Entdeckergeist ist geweckt. Und: Heute ist nicht aller Tage, wir kommen wieder – keine Frage. 

www.weimar-tourist.de 

 

alle Fotos@2016 Juliane Rohr und Ruth-Janessa Funk

Hier geht's zum ausführlichen Report mit allen Bildern und weiteren Informationen zu Weimar.

Sonntag, 26. Juni 2016

The Floating Piers - Christo am Iseosee, Italien




Das Kunst-Happening im Sommer 2016
Gastbeitrag von Juliane Rohr




Sieben Frauen fahren gemeinsam in einem VW-Bus an einem Juni-Montag zu Christos „The Floating Piers“ an den Lago d’Iseo. Das klingt verführerisch, zumal nach dem ersten Wochenende die erste Welle des Besucheransturms auf das Großprojekt abgeebbt sein müsste.



Nichts da - wir kommen gar nicht bis an den See. Schon vor Iseo wird unsere Truppe von der Polizei auf irgendeinen Parkplatz an einem Mini-Fußballstadion abgefangen und zum Parken verdonnert. 200 Meter weiter - zu Fuß über einen Feldweg - fange ich an zu zweifeln, ob der Ausflug wirklich so eine gute Idee war: Wir stehen an einem riesigen Parkplatz vor einem Möbelhaus und sind definitiv nicht die einzigen, die auf den Shuttlebus nach Sulzano warten. Von dort aus kämen wir auf den ersten Steg, der zur Monte Isola führt... Glück. Es geht schneller als erwartet und nach einer guten halben Stunde spuckt uns der stickig, überfüllte Bus in dem Örtchen am Iseosee wieder aus. Erster Blick: Polizei, Ordner, Absperrgitter und Menschengewirr. Eine Mischung aus Woodstock und Disneyland.



Der bereits auf den Bürgersteigen ausgelegte, wegweisende, orangefarbene Teppich lockt dann doch. Ruck zuck – dank gewitzter Abkürzung entdeckt von einer Freundin über den Christo-Fan-Shop - gelangen wir auf den ersten schwimmenden Wanderweg. Und sind sofort verzaubert. Barfuß geht es über den Stoff, der dekorative Falten wirft und sich fast wie Sand anfühlt, selbst am Rand, wenn Wasser darüber schwappt. Berühren der Kunst ist ausdrücklich erlaubt. Jeder wird hier zum Teil des Kunstwerks. Der schier unendliche Menschenstrom, der sich über das Wasser schiebt, verteilt sich auf dem 16 Meter breiten Weg erstaunlich gut. Abgrenzungen zum Wasser gibt es nicht, das würde den Zauber zerstören – alle paar hundert Meter stehen allerdings Guards und rote Schlauchboote sind für Notfälle im See unterwegs.



Christo beschenkt und verführt uns die nächsten Stunden auch mit dieser Traumkulisse: Der in der Sonne funkelnde See, dahinter erheben sich steile Berge, auf der Monte Isola drücken sich die Häuser malerisch an den Berg und wirken wie eine Theaterkulisse. Ständig ziehen uns neue Blicke in den Bann, verschieben sich die Sichtachsen auf den orangen Linien, die über dem Wasser schweben.


Eigentlich sind die Floating Piers nutzlos, das sagt der bulgarisch stämmige Künstler sogar selber. Ja, man kann drüber laufen, aber ist es Kunst? Öffentliche Kunst – Kunst für alle. Es geht um Gefühle: sehen, sich bewegen, barfuß fühlen und genießen. Die Atmosphäre ist es, die einen ganz und gar gefangen nimmt. Wasser, Wellen, Wind und Wärme – kitschiger geht es kaum. Der Aperol Sprizz und ‘ne dicke Tüte salzige Chips schmecken uns mit Blick auf die Insel San Paolo und deren orangefarbener Umrandung besonders gut.




Warum nicht im Chaos der immer lauter werdenden Weltgeräusche von Populismus, Brexit usw. einfach mal Schönheit und Freude pur schenken? „Grazie Christo“ rufen die Menschen auf den Wasserwegen, als der Künstler tatsächlich mit einem doppelstöckigen Boot vorbeirauscht.  




Diese Stege sind ein Eingriff in die Landschaft des Iseosees. Von oben wirken sie wie ein abstraktes Gemälde. Typisch für den 81jährigen, knöpft er sich auch Architektur vor und verändert sie – wie am Reichstag 1995 in Berlin oder 1994 im Schraubenmuseum von Mäzen Reinhold Würth im schwäbischen Gaisbach. Seine Kunsteingriffe kann man auch nicht mögen, ihnen mit Skepsis und Kritik begegnen. Schon weil sie als Großprojekte die Umgebung in den zwei Wochen ihres Daseins nachhaltig verändern. Keine Frage.

Uns sieben Frauen aber haben die Stunden auf dem Iseosee mit die magischsten Momente des Jahres geschenkt. Und den vielen Menschen, denen wir dort begegnet sind wohl auch – zumindest ihrem Lächeln nach zu urteilen.

http://issuu.com/tokipoki/docs/christo_the_floatingpiers_2016_jr?e=2194082/36787226
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Fakten: 3 Kilometer führen die Stege über den Iseosee zur Monte Isola und San Paolo-Insel
Sie sind 16 Meter breit und 35 Zentimeter hoch
220 000 Kunststoff-Schwimmwürfel werden von
100 000 Quadratmetern safrangelbem Polyamidgewebe umhüllt, das je nach Lichteinfall gelb, orange oder rötlich wirkt.
190 Ankern halten die Stege.
Kosten 15 Mio. Euro, die Christo mit Verkauf von Kunst rund um das Projekt selbst aufbringt.
22 Monate brauchte er für die Realisierung des Projektes. Die erste Idee dazu hatte Christo schon vor 46 Jahren gemeinsam mit seiner Frau Jeanne-Claude eigentlich für das Rio de la Plata Bassin in Argentinien, aber die Behörden dort gaben kein Go.

Mehr Infos unter www.thefloatingpiers.com

Noch bis zum 3. Juli 2016
Der Eintritt ist frei.
Eigentlich 24 Stunden zugänglich -  zwischenzeitlich waren die Stege nachts für Wartungsarbeiten gesperrt einfach auf der webseite checken
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Text & Fotos ©2016 Juliane Rohr


Sonntag, 21. September 2014

Berlin Art Week - POSITIONS Part II


As a part of Berlin Art Week POSITIONSBERLIN is taking place from September 18th to 21st. This year for the first time, Kristian Jarmuschek, former co-director of PREVIEW BERLIN ART FAIR, and his team present this new art fair  format. Kristian Jarmuschek and his team are offering 52 international exhibitors the possibility to show their spotlights contemporary art in Berlin at Kaufhaus Jandorf, showing both upcoming and more established artists. 
www.positions.berlin

Also see the report on Position by our guest blogger Juliane here>>


Maurice van Tellingen


Brian Duggan - This short-Term Evacuation

Xenia Fink

Ralf Kopp - Serie "Realitätsprinzip" 2013 (Diasec)

Photo series by Christian Rothmann: Robotnics! (@CvH16)

Ulrich Kochinke - fruehsorge contempory drawings


Kevin A. Rausch - Silence is closer

Paul Vergier - L'espace du manque 2013 (oil painting)



Sefan Hoenerloh
Liu Guangyun

Liu Guangyun

The venue qualifies superbly for the concept of the new fair: Together with Knut Völzke of the design studio Leise, there has been invented an open exhibition architecture, that is reacting to the space and thus integrates it as part of the presentation. Up to 50 chosen international exhibitors will have the possibility to show their represented artistic positions here.  

POSITIONSBERLIN
18 – 21 September 2014
at Kaufhaus Jandorf, Berlin-Mitte

www.positions.berlin

Berlin Art Week - POSITIONS Part I


Gastbeitrag von Juliane Rohr, Journalistin, Berlin.

Eine Woche für die Kunst geht zu Ende. Noch nicht auf der Berliner Art Week gewesen? Dann nichts wie los. Das wechselhafte Wetter lädt zum Schauen auf die „Positions“ in das herrlich abgeschrabbelte Kaufhaus Jandorf am Weinberg in Mitte. Eine neue, vielversprechend Messe, nachdem die Preview letztes Jahr nicht überlebt hat, weil sich die Umsatzerwartungen nicht erfüllten. Alles auf Anfang.

Kristian Jarmuschek vor den Roboter-Porträts "Robotnics!" (www.photoseeker.de)



„Wir schauen schlaglichtartig auf die zeitgenössische Kunstszene Berlins“, so Messegründer Kristian Jarmuschek. Er stellt die „Positions“ breiter auf, jetzt findet der Besucher auch etablierte Künstler. 52 Galerien aus neun Nationen stellen auf zwei Stockwerken aus. Es macht gute Laune in den größtenteils sehr offenen Kojen, die aus Pappwänden bestehen, Kunst zu entdecken.
Anke Eilergerhard - Kitchen Plastics (silicone sculptures) www.art-felicia.li
Ulrich Kochinke, fruesorge contemporary drawings.

Große knubbelige Skulpturen von Anke Eilergerhard (Galerie Art Felicia) die Baisierartig daherkommen, fotorealistische Malerei wie die von Pail Vergier (Lorch + Seidel Contemporary) oder die Installation „This short-term evacuation“ von Brian Duggan (balzer art projets). Das verkleinert dargestellte Riesenrad wirkt auf den ersten Blick poetisch. Genau hingesehen, erkennt der Betrachter, dass die Stahlstreben rostig sind. Es hat eine traurige Geschichte: Das Original steht in der Nähe von Tschernobyl, sollte sich eine Woche nach dem Reaktorunglück am 26. April 1986, beim Frühlingsfest in Pripjat drehen. Nun rostet es vor sich hin in der Geisterstadt drei Kilometer vom Kraftwerk entfernt in der unbewohnbaren Zone. Sperrige Kunst zum Nachdenken. Zum Unbedingt-haben-wollen sind hingegen die Fotografien von Christian Rothmann: Robotnics! (@CvH16) Und Achtung: Es gibt eine Messe-Sonderedition (18x27 cm) für € 120.- Die Roboter-Porträts passen übrigens nicht nur in Kinderzimmer...



Solopräsentation des slowakischen Künstlers Svätopluk Mikta der Emanuel Walderdorff Galerie

Morten Viskum - The Beggar, 2014 (lifesize sculpture in silicone and resin)


Kaufhaus Jandorf Geschichte:


1904 vom jüdischen
Geschäftsmann Adolf Jandorf eröffnet. 5 Etagen mit Lichthof und 10 000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Drei Jahre später machte Jandorf übrigens das KaDeWe am Ku’damm auf - das größte deutsche Kaufhaus. Den 2. Weltkrieg überstand das Haus in der Brunnenstrasse fast unversehrt. 1952 zog das Modeinstitut in das Jugendstilhaus. Seit 1990 steht es allerdings leer. Inzwischen wird es gelegentlich für Konzerte, Ausstellungen und Kunstprojekte genutzt.
 
Adresse:
Kaufhaus Jandorf
Brunnenstrasse 19-21, 10119 Berlin
21. September: 11 bis 18 Uhr
www.positions.berlin

Mittwoch, 17. September 2014

Berlin Art Week: Haus am Waldsee - Exhibition: Michael Sailstorfer B-Seite

Heute freuen wir uns besonders über den Gastbeitrag von Juliane Rohr, Journalistin aus Berlin über Ihren Besuch in Haus am Waldsee.




Ruhe & Erholung - danach war mir heute Morgen. Nach der rummeligen Eröffnung der Berliner Art Week in der Akademie der Künste gestern Abend. Mit dem Rad geht’s nach Zehlendorf ins Haus am Waldsee. Michael Sailstorfer zeigt hier seine B-Seite. Werke, die direkt an Sammler verkauft wurden, noch in den Galerien schlummern und nur selten gezeigt werden. Der Bayer, der in Berlin lebt, ist bekannt für seine heiter melancholischen Arbeiten. Perserteppiche werden zur Skulptur, das Bushaltestellenhäuschen ist die perfekte Einraum-Wohnung und das Maleratelier funktioniert als Kegelbahn. Alle Neune auch die Titel der Werke (es lohnt sich die Schilder zu suchen): Die Kegelbahn nennt sich „Mit dem Kopf durch die Wand“, ein Kleiderständer heißt simpel „Antenne“ und auch der auf einer Holzleiste stehende Duftzerstäuber lässt lächeln: „Andy Warhol trägt Parfum“. In der Ausstellung sind Arbeiten der letzten zwölf Jahre zu sehen, Dinge die uns täglich umgeben, denen Sailstorfer wunderbare neue Identitäten verpasst. 

Michael Sailstorfer "Mit dem Kopf durch die Wand", 2002
Abbruchmaterial, Kegel, Kegelkugeln


Antenne (Kleiderständer), 2011 Aluminium, Größe variabel
In See oder Meer versenkte Buchstaben





Wer Lust hat kann auch Yoga in der Kunst machen: Mittwochs für Einsteiger und Samstags für Einsteiger mit Vorkenntnissen, jeweils 9 bis 10.30 Uhr
(15 Minuten vorher da sein, Matte und Decke mitbringen)



Im Rahmen der Art Week gibt es am Samstag, 20.9., um 10 Uhr eine Tour mit dem Kurator und dem Künstler.

Haus am Waldsee
Argentinische Allee 30
14163 Berlin (U Krumme Lanke)

www.hausamwaldsee.com
 
Di bis So: 11 bis 18 Uhr
Noch bis 9. November


Beitrag von Juliane Rohr, Journalistin, Berlin.